Bei Schalke 04 herrscht nach der 0:2-Pleite bei Darmstadt 98 einmal mehr dicke Luft. Der Abstand zu den Abstiegsränden schrumpft wieder. Das kommende Heimspiel Schalke – Münster (Freitag, 28. Februar) ist daher von enormer Wichtigkeit – für beide Klubs.
Marc Lorenz spielte einst bei Schalke 04, ist mittlerweile Kapitän bei seinem Heimatverein Preußen Münster. Nun kehrt er mit den Adlerträgern zu Königsblau zurück. Vor dem direkten Duell mit seinem Ex-Klub hat er im Interview mit DER WESTEN auf seine S04-Vergangenheit und das anstehende Spiel geblickt.
Schalke 04 – Preußen Münster: Lorenz mit Kampfansage an Ex-Klub
DER WESTEN: Hallo Marc! Du bist waschechter Münsteraner, bist in Münster geboren, hast in der Jugend bei Preußen gespielt und in den letzten zwei, drei Jahren dieses irre Märchen von der Regionalliga bis in die zweite Liga als Kapitän miterlebt. Wachst Du manchmal auf und denkst: ‚War das alles vielleicht doch nur ein Traum‘?
Marc Lorenz: Wenn man auf die letzten Jahre zurückblickt und schaut, wo wir auswärts hinfahren mussten und wo wir jetzt hinfahren dürfen, das ist schon wirklich etwas Besonderes. Auch das anstehende Spiel auf Schalke. Es ist einfach grandios, dass wir uns mit dieser Mannschaft in der Arena messen dürfen. Vor anderthalb Jahren haben wir noch gegen die zweite Mannschaft auf dem Nebenplatz gespielt. Jetzt darfst du in der großen Arena gegen die Profis ran und das ist schon unglaublich.
Hast du nicht manchmal die Sorge gehabt, dass es für die Mannschaft oder für den ganzen Verein die letzten Jahre vielleicht alles ein bisschen zu schnell gegangen ist?
Was heißt zu schnell? Man hört natürlich immer, ob man überhaupt dann auch mithalten oder den ganzen Weg mitgehen kann. Und ja, vielleicht ist es ein Ticken zu schnell gewesen. Der Aufstieg in die dritte Liga war geplant und dieses Ziel sind wir auch ganz klar angegangen. Der Aufstieg letztes Jahr war einfach überhaupt nicht geplant. Trotzdem glaube ich schon, dass er dem Verein einfach guttut. Das Stadion wird neu gebaut, wir bekommen neue Trainingsplätze. Es entsteht richtig etwas in Münster und da ist es ein absoluter Pluspunkt für den Verein, höher zu spielen und die finanziellen Vorteile einstreichen zu können – auch wenn man vielleicht in gewissen Dingen hinterherhinkt.
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Was ist eigentlich das Geheimrezept der Regionalligisten, dass sie so durch die dritte Liga durchmarschieren? Mit Cottbus ist wieder ein Aufsteiger ganz oben dabei.
Das kann ich dir sagen. Man kann in beide Richtungen sehen, wie schnell es gehen kann. Wenn die Regionalligisten mit einer sehr eingespielten Truppe hochkommen, starten sie oft gut in die Liga und wenn sie das irgendwie halten können, laufen sie schnell oben mit. Und auch andersrum geht es schnell, wenn man Mannschaften sieht, die aus der zweiten Liga absteigen und sich aufgrund des großen Umbruches und einer fast komplett veränderten Truppe in der Liga brutal schwertun. Man sieht Bielefeld, die kurz davor waren, abzusteigen, auch Osnabrück hat sich brutal schwergetan bis jetzt. Der große Vorteil der Regionalligisten ist es einfach, eingespielt und eine eingeschworene Truppe zu sein.
In den letzten zwei Jahren ging es für Preußen Münster nur bergauf. Wie schwer war für Euch die Umstellung nach all den Jahren wieder Abstiegskampf zu spielen?
Davor hatte ich zwar keinen Schiss, aber schon großen Respekt. Im Endeffekt hast du die letzten dreieinhalb Jahre nur Erfolg gehabt. Jetzt kommt ein Jahr, wo es wirklich nur darauf ankommt, dass du die Liga hälst und wo auch mal wieder einige Rückschläge kommen. Wir hatten vor dem letzten Spiel dreimal in Folge verloren – das kannten wir die letzten Jahre nicht.
Für mich war es dann einfach wichtig, dass das Umfeld wieder damit umgehen kann. Das ist das Wichtigste! Dass man merkt, dass auch das Umfeld wieder mit Niederlagen klarkommt und du trotzdem die volle Unterstützung bekommst. Und da muss man einfach sagen, dass das Umfeld es wirklich überragend macht. Die Fans pushen uns, egal ob wir vier Gegentore in Hamburg bekommen, egal ob wir in Berlin gewinnen. Die Fans sind immer da, stehen hinter uns und da muss man echt sagen: ‚Hut ab‘.
„Haben noch eine Rechnung offen“
Ihr habt bisher auswärts in Regensburg und in Berlin dreifach gepunktet, oft konntet ihr einen Zähler mitnehmen. Wieso kommt auf Schalke Auswärtssieg Nummer drei dazu?
Weil wir jetzt den Rückenwind aus dem letzten Spiel (2:0-Sieg gegen Regensburg; Anm.d.red.) mitnehmen. Ich denke, Schalke merkt langsam wieder den Druck der Mannschaften, die in letzter Zeit unten gepunktet haben. Wir wollen da gewinnen, wollen am besten die Mannschaft wieder mit in den Strudel und in die mögliche Verlosung der Abstiegsplätze hereinziehen. Je mehr Mannschaften am Ende unten mitschwimmen, desto größer ist die Chance für uns, drinzubleiben.
Und auch wenn man auf das Hinspiel zurückblickt: Da waren wir die bessere Mannschaft. Jeder weiß, dass wir das Spiel gewinnen mussten, es aber unglücklich verloren haben. Da haben wir auf jeden Fall noch eine Rechnung offen. Wir können befreit in der Arena aufspielen und werden einfach alles reinhauen. Und ich hoffe, dass wir den Spielverlauf so auf unsere Seite ziehen können. Wir freuen uns einfach riesig.
Hattet ihr an dem Hinspiel noch lange zu knabbern?
Direkt danach kam das Spiel in Nürnberg, wo wir auch hätten punkten müssen. Und das ist halt unfassbar ärgerlich, wenn du zwei Spiele hast, wo du die Punkte echt hast liegen lassen. Das wollen wir jetzt auf jeden Fall besser machen. Wir fahren ganz klar mit dem Auftrag und mit dem Ziel auf Schalke, drei Punkte zu holen.
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Wie blickst Du derzeit auf Schalke? Die Qualität der Mannschaft ist zweifelsfrei groß, doch zuletzt hakt es bei Königsblau mal wieder gewaltig.
Ja, es ist total verrückt. Vielleicht muss man einen kleinen Vergleich mit dem HSV ziehen. Da muss Schalke dann aufpassen, dass sie nicht Dauergast in der zweiten Liga werden. Über die Fanbase und über die Rückendeckung von außen braucht man gar nicht reden. Wenn ich sehe, dass da jedes Wochenende die Arena voll ist, ist das einfach unglaublich. Aber es ist einfach immer wieder Unruhe drin. Es ist einfach sehr viel Druck auf dem Kessel, da man unbedingt wieder aufsteigen möchte.
Ich habe selbst auf Schalke gespielt und zu sehen, wo der Weg des Vereins hingegangen ist, ist echt bitter. Als ich damals da war, haben sie regelmäßig noch in der Champions League gespielt und gehörten zu den besten fünf Teams der Bundesliga. Mit der Fanbase, mit dem Umfeld und mit diesem Stadion in Liga zwei zu spielen, ist schon total bitter für den Verein.
Ist dieser besondere Teamspirit und der Zusammenhalt in eurer Mannschaft vielleicht der große Vorteil gegenüber Schalke? Ihr fahrt als geschlossene Truppe auf Schalke und wollt euren mitreisenden Fans eine große Party bereiten.
Wir müssen über diesen Part kommen, wir müssen über diese Geschlossenheit kommen, wir müssen über eine wirklich extreme Mannschaftsstärke kommen. Das bekommen wir auch super hin – vor allem die letzten zweieinhalb Jahre. Deswegen haben wir auch diese Erfolge einfahren können. Wir hatten zweieinhalb Jahre einen Kader zusammen, wo sich wirklich jeder einzelne Spieler in den Dienst der Mannschaft gestellt hat. Jeder hat es dem anderen gegönnt, zu spielen und hat Gas gegeben, wenn er gebraucht wurde. Das ist schon etwas, was uns im Moment auszeichnet. Das hat man auch im letzten Spiel, bei diesem so wichtigen Sieg, gesehen.
Lorenz über S04-Vergangenheit: „Sollte einfach nicht sein“
Du hast selbst eine Schalke-Vergangenheit, hast von 2006 bis 2009 erst für die U19, dann für die U23 der Knappen gekickt. Warum gelang dir dort der Durchbruch nicht?
Die sportliche Größe kann schon ein Grund gewesen sein. Aber man muss auch ehrlich sein, dass damals noch nicht so extrem auf die Jugend gesetzt worden ist. Ich bin genau in dem Jahr weggegangen, als Felix Magath kam und er einige junge Spieler hochgezogen hat. Ich habe mit den Profis trainiert, stand sowohl in der Bundesliga als auch einmal im DFB-Pokal im Kader. Aber letztlich brauchst Du dann auch ein bisschen Glück, dass ein Trainer wie Magath kommt und auf die Jugend setzt.
Ich bin trotzdem froh, dass ich rechtzeitig den Absprung geschafft habe und den Weg so gegangen bin. Natürlich hätte ich es unfassbar gerne geschafft. Jeder, der in der Jugend dort gespielt hat, hat den Traum, irgendwann mal in der Arena für die Vereinsfarben aufzulaufen. Mich freut es einfach sehr, dass ich jetzt mit Preußen da auflaufen darf.
Ich habe schon mit dem KSC in der Arena gespielt – damals jedoch noch während der Corona-Pandemie. Jetzt noch mal in der vollen Arena spielen zu können, ist einfach genial. Das war auf jeden Fall immer das Ziel. Deswegen freue ich mich einfach wiederzukommen. Es sollte auf Schalke mit dem Durchbruch einfach nicht sein. Aber da bin ich auch absolut nicht böse drum.
Hattest du dich von dem Traum, noch einmal in der vollen Veltins Arena zu spielen, eigentlich schon verabschiedet?
Als ich den Weg von Karlsruhe nach Münster gegangen bin, habe ich niemals damit gerechnet. So ehrlich muss man schon sein. Jeden, der uns vor zweieinhalb Jahren gesagt hätte, dass wir diesen Doppelaufstieg hinlegen, hätten wir für verrückt erklärt. Es macht mich unheimlich stolz, das mit meinem Heimatverein geschafft zu haben und den Verein dahin gebracht zu haben, wo er zuvor das letzte Mal vor über 30 Jahren war.
Du bist Kapitän der Mannschaft, warst in den letzten Jahren und zu Beginn der Saison noch unumstrittener Stammspieler. Mittlerweile kommst du vorrangig von der Bank. Hat das einen besonderen Einfluss auf dein Standing in der Mannschaft? Wie kommst Du mit dieser Rolle zurecht?
Nein, auf keinen Fall. Das Standing in der Mannschaft ist immer noch top. Ich versuche einfach, ein Vorbild zu sein, vor allem für die Jungs, die aus der Jugend hochkommen. Ich pushe die Jungs von außen nach vorne und wenn ich gebraucht werde, versuche ich da zu sein. Natürlich habe ich nach wie vor den Anspruch, auch weiterhin in der Startelf zu stehen, sonst könnte ich aufhören. Wenn ich den Anspruch nicht mehr habe, dann brauche ich nicht mehr auf den Trainingsplatz gehen. Deswegen haue ich einfach alles raus und wenn es dann für ein paar Minuten reicht, reicht es für ein paar Minuten.
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Bleibst Du über den Sommer hinaus bei Preußen Münster? Machst Du das von verschiedenen Faktoren abhängig? Gab es schon erste Gespräche mit den Verantwortlichen?
Von der Ligazugehörigkeit auf keinen Fall. Ich habe schon klar gesagt, dass ich gerne nächste Jahr weiterhin ein Teil der Mannschaft sein möchte. Ich möchte weiter hier für Preußen Münster in dieser Mannschaft spielen. Man muss einfach schauen, ob der Verein es möchte oder nicht. Es gibt sicherlich auch die Möglichkeit, in anderer Funktion im Verein tätig zu sein. Aber mein Ziel ist schon, weiter aktiv hier Fußball zu spielen.
Man hat sich schon einmal locker ausgetauscht, aber konkret ist es weder in die eine noch in die andere Richtung geworden. Ich habe meinen Standpunkt klargemacht, ich bin top fit und fühle mich wohl. Zu 90 Prozent wird das meine letzte Station sein, hier hängt so viel Herz dran und ich weiß nicht, ob ich das noch einmal so für einen anderen Verein aufbringen kann. Dementsprechend muss man einfach schauen, ob es am Ende passt oder nicht. Mehr gibt es nicht zu sagen.